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31. März 2017 Meldung, KV Heilbronn, Aktiv vor Ort

Politik und Landwirtschaft

Großes Interesse an den Erkenntnissen des kommunistischen Agrarwissenschaftlers.

Am 16. März 2017 kam Theodor Bergmann nach Offenau und referierte, anlässlich des 1250 jährigen Jubiläums der Gemeinde zum Thema "Der Weg der Bauern in die moderne Welt, Fortschritt und neue Sorgen". Herr Bergmann beeindruckte an diesem Abend, neben dem Bürgermeister Folk, auch Bauern des Bauernverbandes sowie weitere Interessierte, Genossinnen und Genossen. Die bereitgestellten Plätze waren fast vollständig belegt. Gegen 19.00 Uhr machte Kerstin Steiner mit der Begrüßung den Anfang und Herr Folk hielt im Anschluss ein Grußwort, ehe Theodor Bergmann mit seinem Vortrag begann. Während diesem herrschte ein konzentriertes Schweigen und im Laufe der Zeit setzte eine rege Diskussion ein. Es gab neben Zwischenmeldungen auch viele Fragen zu klären. Obwohl man sich an diesem Abend nicht immer einer Meinung war, blieb die Stimmung gut. Theodor Bergmann wurde am 07.März 1916 als Sohn eines Rabbiners in Berlin geboren. Er wurde bereits 1927 politisch aktiv, indem er in den Spartakusbund sowie den sozialistischen Schülerbund eintrat. 1929 schloss er sich dem KJVD-O, der Jugendorganisation der KP-Opposition, an. 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, floh er ins damalige Palästina, wo er in einem Kibbuz arbeitete und 1935 führte ihn sein Weg in die Tschechoslowakische Republik. Dort nahm er ein Studium der Agrarwissenschaft auf und schrieb Flugblätter, welche nach Deutschland geschmuggelt wurden. 1938 musste er schließlich, aufgrund des Münchner Abkommens, weiter nach Schweden fliehen. Mit seinem Bruder Josef Bergmann leitete er dort die Strukturen der KP-Opposition und war in der Landesgruppe Deutscher Gewerkschafter aktiv. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und schloss 1947 sein Studium der Agrarwissenschaften ab. 1955 promovierte er an der Universität Hohenheim. 1965 begann er seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim in Stuttgart. An dieser Universität zählte er zu den Professoren, welche sich 1975 für marxistische Studenten einsetzten, da diese vom Radikalenerlass betroffen waren. Viele Jahre gehörte er der KPO-Nachfolgeorganisation „Gruppe Arbeiterpolitik“ an, war ab 1990 Mitglied der PDS und seit Parteigründung nun Mitglied der Partei „Die Linke“. Diese lange und konsequente, politische Laufbahn beeindruckt sehr und umso interessanter war das, was Theodor Bergmann an diesem Abend zu erzählen hatte.

Zu Beginn seines Vortrags erzählte Theodor Bergmann von seiner Arbeit in anderen Ländern. So war er beispielsweise bereits in Indien, China, Japan und Schweden. Als Professor für Agrarwissenschaften an der Hochschule Hohenheim, reiste er viel und sah sich die Gegebenheiten an. Es war sehr interessant mehr über die Bedingungen im Ausland zu erfahren und er widmete sich auch der Frage wie man künftig alle 9 Milliarden Menschen satt bekommen könnte. Natürlich hat auch Herr Bergmann kein Patentrezept, doch er ist der Meinung, dass man es schaffen kann. Die Meinungen darüber wie man es schaffen könnte, gingen wie erwartet, weit auseinander. Natürlich behandelte er auch die Fragen nach der Ökologie sowie Ökonomie und fragte nach der Sinnhaftigkeit mancher Methoden in der heutigen Landwirtschaft. Sollte man das Prinzip der Kleinbauern und Familienbetriebe hochhalten und unterstützen oder den Fokus doch vermehrt auf eine Massenproduktion für alle Menschen legen? Ist Vegetarismus das Allheilmittel in dieser Frage oder eine Sackgasse? Was kann der Einzelne für eine bessere und vor allem hungerfreie Welt tun? Welche Aufgaben müsste der Staat eventuell übernehmen? Sollten wir zurück zum kleinen Wochenmarkt und zum regionalen Konzept? Diese und weitere Fragen standen in den Stunden des Vortrags im Raum. Theodor Bergmann ist ein Realist und spricht die Dinge frei aus. Wochenmärkte würden, seiner Meinung nach, nichts verändern und auch eine Gemüsekiste, welche die Bauern in der Region unterstützt, wird auf lange Sicht keine Veränderungen bringen. Er glaubt nicht, dass Vegetarismus der Weg zu mehr Nahrung für alle ist. Er hat nichts dagegen, wenn sich Menschen in Deutschland vegetarisch ernähren oder auf den Einkauf beim Bauern um die Ecke schwören, doch das, so Theodor, sollte Privatsache bleiben. Er denkt größer, in anderen Maßstäben und das zu verstehen ist schwer. Als Agrarwissenschaftler hat er einen weiteren Blick und kann die Dinge besser bewerten, einschätzen. Statt billige Hühnerabfälle nach Afrika zu schicken, sollte man den Menschen dort helfen, sich wieder selbst zu versorgen. Mehrmals sprach Theodor Bergmann an diesem Abend davon, dass unsere Produktion von Überschüssen sinnfrei sei. Mais und damit Lebensmittel als Kraftstoff zu verwenden hält er für fatal und wenn man an die ständig wachsende Zahl der Menschen auf diesem Planeten denkt, dann bleibt einem nur übrig mit dem Kopf zu schütteln. Der Anbau von Monokulturen und das Aufkaufen von Gebieten mit „Schwarzerde“ in der Ukraine durch deutsche Unternehmen, sind nur zwei Beispiele der angesprochenen Missstände. Als Schlusswort sprach Theodor davon, dass man sich über die Erde nicht allzu große Sorgen machen sollte, sondern um die Menschen. Er glaube zwar, dass es nicht dauerhaft bei einem Wachstum der Weltbevölkerung bleiben wird, dennoch bleibt die Situation alarmierend.

Der Vortrag war interessant und hat einem die gegenwärtige Situation vor Augen geführt. Ein Fazit ist, dass man die Profitgier in Sachen Nahrung hinten an stellen sollte. Wo Menschen hungern, sollte es nicht um Zahlen oder Profit gehen. Das Ziel sollte vielmehr eine Art der Versorgung sein, von der alle Menschen satt werden können und keiner an Hunger leiden muss. Ob das nun durch das Einsparen von Fleisch oder den Einkauf regionaler Produkte zu schaffen ist bleibt fraglich. Wahrscheinlich wird man auf Dauer weiter gehen und in anderen Dimensionen denken müssen. Theodor ist der Meinung, dass wir vieles versuchen können aber was auf keinen Fall zu empfehlen wäre, ist der Rückschritt. Die Moderne ist da und das mit all ihren Facetten. Statt uns vor der Zukunft zu fürchten müssen wir uns künftig neue und effizientere Wege zur Nahrungsmittelproduktion erschließen und wenn möglich dabei Rücksicht auf unsere Erde nehmen. Unsere Kindeskinder sollen später nicht nur satt sein, sondern auch auf einem vielfältigen und gesunden Planeten leben können. Ich denke die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der modernen Technik und Wissenschaft ist unausweichlich. Eine Chance besteht nur dann, wenn wir nicht stehen bleiben sondern die Entwicklungen und Innovationen klug nutzen. Die Menschen lernen, so Theodor und sie werden es auch künftig tun. Ein weises Schlusswort indem ein wenig Hoffnung und Zuversicht mitschwingt.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Theodor Bergmann für sein Kommen am 16.März, für die klug gewählten und ehrlichen Worte sowie die Beantwortung all der an diesem Abend gestellten Fragen. Außerdem bedanke ich mich im Namen der Linken auch bei Johannes Müllerschön für die Organisation und Vorbereitung des Vortrags. Ein großes Dankeschön auch an alle Helferinnen und Helfer sowie alle Teilnehmer.

 

K.S.