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21. April 2017 Presseecho, MdB Karin Binder

BNN: "Wer die Saat hat, hat das sagen"

Konzernatlas prangert die Marktmacht von Großunternehmen in der Agrar- und Lebensmittelindustrie an

Senf von Thomy, Suppen von Maggi, Schokoeis von Mövenpick oder Sprudelwasser von San Pellegrino: Was im Supermarktregal wie das vielfältige Angebot von mehreren eigenständigen Marken erscheint, sind in Wahrheit allessamt Produkte aus dem weitverzweigten Firmennetz des Lebensmittelkonzerns Nestle. Die enorme Marktmacht von wenigen Großunternehmen und deren Einfluss auf die globale Lebensmittelproduktion sind das Thema im Anfang Januar erschienenen Konzernatlas. Unter dem Motto "Wer hat die Macht über unser Essen" widmen sich mehrere Experten in dem von Rosa-Luxemburg-Stiftung und Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Werk den Auswirkungen dieser Entwicklung und am Mittwochabend stellten die Co-Autoren Christian Rehmer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Franziska Humbert von der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam bei einem Diskussionsabend in der Orgelfabrik die Erkenntnisse ihrer Recherchen vor.

"In Europa kontrollieren zehn Supermarktketten über die Hälfte des Marktes", so Humbert, und in Deutschland stellten die vier größten Ketten seit der Übernahme von Kaisers Tengelmann durch den Konkurrenten Edeka sogar über 85 Prozent der Märkte. "Inzwischen kann die Marktmacht eigentlich nur noch durch Preissenkungen vergrößert werden und das setzt dann automatisch die Lieferanten unter Druck", nannte Humbert eine der negativen Folgen dieser Entwicklung. Noch bedenklicher sei allerdings das Interesse von großen Investmentfirmen an den Lebensmittelkonzerne. "Da spielen dann Gewinnerwartungen eine wichtigere Rolle als Arbeitsbedingungen oder nachhaltiger Anbau", so Humbert, und am Ende landeten kleinere und mittelständische Betriebe auf der Verliererstraße.

"Auch in der Landwirtschaft bestimmen wenige Konzerne seit Jahren die Trends", sagte Rehmer.  So kontrollierten sechs Unternehmen bereits 74 Prozent des weltweiten Pestizid-Marktes und sieben Firmen rund 71 Prozent des globalen Saatgutmarkts. Durch den Zusammenschluss von direkten Konkurrenten wie DuPont und Dow und der geplanten Übernahme von Mosanto durch Bayer werden aus den sieben großen Saatgutproduzenten bald nur noch vier. "Durch die wachsende Marktmacht gewinnen auch die Lobbyisten zunehmend an Bedeutung", prognostizierte Leiter des BUND-Fachbareichs Agrarpolitik. Bereits jetzt habe die Agrar-. und Lebensmittelindustrie mehr Einfluss auf die Politik als etwa die Pharmabranche oder die großen Autobauer. "Wer die Saat hat, hat das sagen", so Rehmers Fazit. Und nicht nur Saatgut, Pestizide und Düngemittel seien mittlerweile in der Hand von wenigen Unternehmen, auch die Landwirtschafte Nutzfläche sei in vielen Ländern bereits ein begehrtes Investitionsgut. "In der Ukraine kontrollieren zehn Konzerne bereits die Hälfte der Ackerfläche des Landes", betonte Rehmer, und durch den extremen Ausbau der industrialisierten Landwirtschaft würden ökologisch nachhaltige Strukturen immer weiter zurückgedrängt. "Große Konzerne brauchen große Absatzmärkte", so Rehmer, und deshalb würden kleinere Landwirte unter Druck gesetzt oder nach und nach vom Markt gedrängt. Um diese Entwicklung zu stoppen, müsse die Politik das Kartellrecht ändern, regionale Erzeugung stärken sowie sozial-ökologische Mindeststandards setzen, forderte Rehmer, und dazu müssten Organisationen wie der BUND und Oxfam die "irreführende Firmenpropaganda" entlarven.

"Wir werden die Globalisierungsschraube nicht mehr zurückdrehen können", stellte Elwis Capece von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststäten (NGG) klar. Allerdings müsse die Politik dem Einfluss der Lobbyisten einen Riegel vorschieben, sich mit klaren Kennzeichnungen im Lebensmittelhandel für mehr Transparenz einsetzen und die Rechte der Arbeitnehmer stärken. "Noch ist die Lebensmittelproduktion in Deutschland überwiegend von mittelständischen Firmen geprägt", mahnte Capece zu schnellem Handeln, denn ohne eine klare politische Linie könnten viele Betriebe dem Konkurrenz- und Preisdruck der Großkonzerne nicht mehr lange standhalten. "Durch die zahlreichen Firmenzusammenschlüsse wächst die Macht dieser Unternehmen", betonte die Linken-Bundestagsabgeordnete Karin Binder. Bereits heute kontrolliere die Firma Nestle ein Fünftel des weltweiten Kaffeemarktes und übe durchaus Druck auf die Produzenten in den Herkunftsländern aus. "Lebensmittel sind in Deutschland derzeit vielleicht sehr billig", so Binder, "aber in einer globalisierten Welt bezahlen wir dafür am Ende einen hohen Preis".

Ekart Kinkel

Veröffentlichung mit mit freundlicher Genehmigung der BNN.