[Artikel im Mannheimer Morgen vom 23. März 2011]
Kernige Sprüche und große Versprechen begegnen Mannheimern in diesen Tagen überall. Es wird wieder kräftig geworben in der Stadt am Neckar. Bevor am 27. März die Wahllokale öffnen, versuchen die Parteien, ihre Wähler zu mobilisieren. Dazu schicken sie ihre Mitglieder in den Einsatz. Für Rot, Schwarz, Grün oder Gelb ziehen sie durch die Straßen – unermüdlich und unentgeltlich.
Aus dem Hörsaal zum Wahlstand
Unter den Engagierten sind auch Studenten. Sie alle hoffen, dass auch durch ihre Hilfe am Wahlsonntagabend bei der Partei ihres Vertrauens viele Flaschen Sekt geöffnet werden können. Julia Debernitz ist 22 Jahre jung, studiert Wirtschaftsinformatik im zweiten Mastersemester und ist Landes- und Bundesdelegierte der Jungen Liberalen Mannheim. Die in Gera aufgewachsene Studentin entschied sich 2009 aus wirtschaftspolitischem Interesse für die Jugendorganisation der FDP. Sie ist überzeigt, dass der Mensch sein eigener Herr ist: "Jeder kann aus sich selber das Beste rausholen. Es sollte keinen Staat geben, der alles regelt." Der aktuelle Wahlkampf ist der erste, an dem sie aktiv teilnimmt – eine neue Erfahrung für sie. Plakate aufhängen und der Dienst am Stand sind zwar Pflichtaufgaben, aber auch sehr spannend. Es bereitet ihr Freude, die Ideen, die sonst nur innerparteilich entwickelt würden, der Bevölkerung vorzustellen. So könne man zeigen, dass in den Parteien auch ganz normale Menschen engagiert sind, die sich für ihre Stadt und ihr Land einsetzen. Die Studentin hat allerdings auch schon unschöne Dinge im Wahlkampf erlebt. Bei dem Thema Stuttgart 21 etwa werde viel gepöbelt. "Und wer möchte sich schon als böse Kapitalisten-Partei bezeichnen lassen", sagt sie.
Julien Ferrat würde vermutlich gerne über viele politische Ideen mit seiner Kommilitonin Julia diskutieren. Er zieht für die Linkspartei auf das Wahlkampffeld. Für den gebürtigen Mannheimer ist dies bereits das dritte Mal. Er studiert im zweiten Semester Französisch und Philosophie auf Lehramt. Dass er keinen Bachelor-Studiengang belegt hat, sieht er als Vorteil für seine Leidenschaft Politik, denn so habe er mehr Zeit für private Dinge als andere Studenten: "Die Wochen vor der Wahl sind Stress. Für die Uni macht man da nur das Nötigste." Julien ist Mitglied des Kreisvorstandes der Linken und Landeskoordinator des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Seine politische Laufbahn begann 2007, nachdem ihn die Agenda 2010 politisiert hatte. Seine Tätigkeiten in diesem Wahlkampf sind ähnlich wie die von Julia. Frustrierend findet es der 19-Jährige, wenn er einen Infozettel zurück in die Hand gedrückt bekommt und die Leute ihm ins Gesicht sagen, "Die Linke? Die wähl' ich doch nicht." Zuspruch und kleine Erfolge, wie etwa ein neu geworbenes Mitglied, seien aber ein motivierendes Gegenmittel.
In vier Tagen heißt es für die Baden-Württemberger wählen gehen. Der Wahlkampf ist dann ausgetragen – auch von Mannheimer Studenten. Einige der Freiwilligen werden mit einer Siegesfeier entlohnt, andere werden enttäuschend ihre Wunden lecken. Die Plakate abhängen, das müssen sie aber alle. nhu